Eingewöhnung · September 2026
Warum Kinder und Eltern Zeit, Vertrauen und verlässliche Begleitung brauchen
Der Eintritt in eine Kinderbildungs- und Betreuungseinrichtung ist mehr als ein organisatorischer Wechsel. Für das Kind beginnt eine neue Lebenswelt mit zunächst fremden Menschen, Räumen und Abläufen. Gleichzeitig erleben auch Eltern und andere enge Bezugspersonen einen bedeutsamen Übergang: Sie geben Betreuung und Verantwortung in neue Hände und müssen Vertrauen zu Menschen aufbauen, die ihr Kind künftig begleiten werden.
Eine gelingende Eingewöhnung braucht deshalb nicht nur Zeit für das Kind. Sie braucht Beziehungen, in denen sich Kind und Eltern zunehmend sicher und gut aufgehoben fühlen können.
Eingewöhnung ist ein Übergangsprozess
Der Bundesländerübergreifende BildungsRahmenPlan für elementare Bildungseinrichtungen in Österreich beschreibt den Eintritt von der Familie in eine elementare Bildungseinrichtung als Transition – als einen bedeutsamen Übergang, der nicht nur das Kind, sondern auch seine Familie betrifft.
Die individuelle Eingewöhnung liegt dabei in der gemeinsamen Verantwortung von Familie und Bildungseinrichtung. Offenheit, Flexibilität, kontinuierlicher Austausch und die Qualität der entstehenden Beziehungen sind wesentliche Bestandteile dieses Prozesses (Charlotte Bühler Institut, 2009).
Damit wird deutlich: Eingewöhnung lässt sich nicht daran messen, wie viele Tage bereits vergangen sind oder wie lange ein Kind schon ohne seine Eltern in der Einrichtung bleibt.
Ein Kind kann neugierig einen Raum erkunden und in einer Trennungssituation dennoch intensive Unterstützung benötigen. Ein anderes bleibt zunächst lange in der Nähe seiner Bezugsperson, beobachtet und beginnt erst nach und nach, sich der Umgebung zuzuwenden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Wie weit müsste das Kind heute sein?“
Sondern:
„Wie sicher fühlt sich dieses Kind in der aktuellen Situation – und was braucht es für den nächsten Schritt?“
Eingewöhnung beginnt vor dem ersten Betreuungstag
Eine gelingende Eingewöhnung beginnt nicht erst am ersten regulären Betreuungstag. Schon ein Tag der offenen Tür, ein Anmeldegespräch oder ein persönliches Kennenlernen kann dazu beitragen, Orientierung und Vertrauen aufzubauen.
Auch aktuelle Forschung weist auf die Bedeutung solcher vorbereitenden Kontakte hin. In einer Studie mit 276 Eltern aus Österreich und Deutschland standen persönliche Gespräche, Kennenlernmöglichkeiten und weitere vorbereitende Kontakte mit einer höheren Zufriedenheit der Eltern während des Übergangs in Zusammenhang (Pölzl-Stefanec, 2026).
Ein erstes Kennenlernen sollte deshalb mehr sein als ein organisatorischer Termin.
Dabei darf das Kind von Beginn an als eigenständige Person wahrgenommen werden. Es kann bewusst begrüßt und angesprochen werden, ohne eine Antwort oder unmittelbare Interaktion einzufordern. Manche Kinder beginnen schnell zu erkunden, andere bleiben zunächst bei ihrer Bezugsperson und beobachten.
Diese ersten Momente können wertvolle Hinweise geben: Was interessiert das Kind? Wobei verweilt es? Wie nähert es sich einer unbekannten Umgebung? Welche Nähe braucht es? Entstehen bereits erste Kontaktmomente mit einer pädagogischen Fachkraft?
Solche Beobachtungen dienen nicht der diagnostischen Einordnung. Sie helfen vielmehr dabei, den ersten Betreuungstag möglichst anschlussfähig vorzubereiten.
Wenn es die personellen Möglichkeiten erlauben, kann ein erstes Kennenlernen zu zweit besonders hilfreich sein: Während sich eine pädagogische Fachkraft stärker dem Kind und einer behutsamen Kontaktaufnahme widmet, kann beispielsweise die Leitung Fragen, Erwartungen und Bedürfnisse der Eltern aufgreifen.
Auch das Wissen der Eltern ist dabei eine wichtige Ressource. Ein kurzer Steckbrief kann vor Beginn der Eingewöhnung beispielsweise Interessen, vertraute Tätigkeiten und Gegenstände, wichtige Bezugspersonen, relevante gesundheitliche Besonderheiten sowie individuelle Regulations- und Beruhigungsstrategien erfassen. Auch bisherige Trennungserfahrungen und die Frage, was dem Kind dabei geholfen hat, können wichtige Hinweise liefern.
Die zentrale Frage lautet:
„Was wissen wir bereits darüber, was diesem Kind Orientierung, Interesse und Sicherheit geben kann?“
Aus diesen Informationen und ersten Beobachtungen kann die Umgebung gezielter vorbereitet werden. Hat sich ein Kind beispielsweise besonders für bestimmte Materialien oder Tätigkeiten interessiert, können einige davon beim Wiederkommen erneut verfügbar sein.
Dabei gilt nicht: je mehr Angebote, desto besser. Eine neue Umgebung enthält bereits zahlreiche Eindrücke. Eine überschaubare und bewusst vorbereitete Umgebung kann Orientierung erleichtern und Überforderung reduzieren.
Auch kleine Rituale können das Ankommen unterstützen. So kann etwa am ersten Betreuungstag gemeinsam der eigene Garderobenplatz eingerichtet werden. Eine kleine Aufmerksamkeit, die das Kind nach einem Kennenlernen oder ersten Betreuungstag mit nach Hause nimmt, kann außerdem eine Verbindung zwischen der neuen Umgebung und dem vertrauten Zuhause schaffen und dort zum gemeinsamen Gespräch über das Erlebte anregen.
Es sind keine großen Gesten. Entscheidend ist die Botschaft dahinter:
Das Kind und seine Familie werden von Beginn an wahrgenommen.
Sicherheit ermöglicht Exploration
Kinder können sich einer neuen Umgebung leichter zuwenden, wenn sie ausreichend Sicherheit erleben.
Bindungsbezogene Forschung beschreibt vertraute Bezugspersonen als eine sichere Basis, von der aus Kinder ihre Umwelt erkunden und zu der sie in belastenden Situationen zurückkehren können.
Mit dem Eintritt in eine Betreuungseinrichtung erweitert sich dieses Beziehungsnetz. Pädagogische Fachkräfte können zunehmend zu Personen werden, bei denen ein Kind Schutz, Trost und Unterstützung sucht und annehmen kann.
Macagno und Molina (2024) untersuchten Kleinkinder während ihrer ersten beiden Monate in außerfamiliärer Betreuung. Im Verlauf dieser Zeit nahmen positive bindungsbezogene Verhaltensweisen gegenüber den professionellen Bezugspersonen ebenso wie das Explorationsverhalten zu. Sichereres bindungsbezogenes Verhalten gegenüber den Fachkräften stand dabei mit mehr Exploration in Zusammenhang.
Damit wird ein wichtiger Zusammenhang sichtbar:
Exploration entsteht nicht durch möglichst frühe Trennung. Sicherheit schafft vielmehr die Grundlage dafür, sich von einer vertrauten Person wegzubewegen und Neues zu entdecken.
Deshalb braucht ein Kind Gelegenheit, eine neue Beziehung aufzubauen, bevor diese Beziehung auch in belastenden Situationen ausreichend tragen soll.
Auch Eltern müssen Vertrauen entwickeln dürfen
Eingewöhnung betrifft nicht nur das Kind.
Für Eltern bedeutet der Übergang, dass andere Menschen zunehmend Pflege, Begleitung, Trost und Verantwortung für ihr Kind übernehmen. Fragen, Sorgen oder Unsicherheiten sind deshalb kein Hindernis für eine gelingende Eingewöhnung, sondern ein nachvollziehbarer Bestandteil dieses Prozesses.
Eltern müssen nicht vom ersten Tag an vollständiges Vertrauen haben. Vertrauen darf entstehen.
Dafür brauchen sie Transparenz und die Erfahrung, mit ihren Beobachtungen und Fragen ernst genommen zu werden.
Pölzl-Stefanec (2026) zeigt die Bedeutung regelmäßiger, persönlicher und vertrauensvoller Kommunikation während des Übergangs. Auch die Beziehung zwischen Eltern und Fachkraft kann für das Kind relevant sein: Andersson Søe und Psouni (2025) fanden, dass ein während der Eingewöhnung als vertrauensvoll wahrgenommenes Verhältnis zwischen Eltern und Fachkraft mit später wahrgenommener Wärme und Nähe in der Fachkraft-Kind-Beziehung zusammenhing.
Die Beziehung zum Kind sollte deshalb nicht losgelöst von der Beziehung zu seinen Eltern betrachtet werden.
Eltern möchten berechtigterweise wissen:
Wird mein Kind gesehen? Wird auf seine Signale reagiert? Wer begleitet es, wenn ich nicht da bin?
Sätze wie:
„Sie müssen jetzt einfach loslassen.“
greifen deshalb zu kurz.
Vertrauen kann nicht eingefordert werden. Es entsteht durch Beziehung, Transparenz und wiederholt verlässliche Erfahrungen.
Gerade deshalb ist eine gelingende Eingewöhnung immer auch Zusammenarbeit mit der Familie.
Struktur geben, ohne den Prozess zu standardisieren
Professionelle Eingewöhnung braucht einen verlässlichen Rahmen. Klare Zuständigkeiten, vorhersehbare Abläufe und eine verständliche Kommunikation geben Kindern und Eltern Orientierung.
Ein Eingewöhnungskonzept oder ein pädagogisches Modell kann dabei wichtige Leitlinien bieten.
Problematisch wird es jedoch, wenn daraus ein für alle Kinder identischer Zeitplan entsteht.
Ein festgelegter Trennungszeitpunkt sagt noch nichts darüber aus, ob das einzelne Kind bereits ausreichend Sicherheit mit seiner neuen Bezugsperson aufgebaut hat.
Modelle können deshalb Orientierung geben – sie sollten aber nicht wichtiger werden als das Kind, das tatsächlich vor uns steht.
Auch Tränen allein sind kein ausreichendes Entscheidungskriterium. Ein Kind kann bei einer Trennung weinen und dennoch Unterstützung von der neuen Bezugsperson annehmen, sich wieder regulieren und anschließend zum Spiel zurückfinden. Umgekehrt bedeutet ein stilles oder angepasst wirkendes Kind nicht automatisch, dass es sich bereits sicher fühlt.
Entscheidend ist das Gesamtbild:
Kann das Kind Kontakt und Unterstützung von der neuen Bezugsperson annehmen? Findet es nach einer Belastung zunehmend wieder in Regulation? Kann es sich anschließend erneut seiner Umgebung und dem Spiel zuwenden?
Bleibt ein Kind hingegen über längere Zeit stark belastet, angespannt, zurückgezogen oder in anhaltendem Protest und lässt es sich von der neuen Bezugsperson noch nicht ausreichend begleiten, sollte dies ernst genommen werden.
Dann kann ein Schritt zurück sinnvoller sein als ein weiteres Vorantreiben der Trennung.
Ein nächster Schritt sollte erfolgen, weil zunehmende Sicherheit beobachtbar wird – nicht, weil ein bestimmter Eingewöhnungstag erreicht wurde.
Trennung ist damit nicht das Ziel der Eingewöhnung. Sie ist ein Schritt innerhalb eines Beziehungsprozesses.
Die entscheidende Frage lautet:
„Ist die Beziehung bereits tragfähig genug, damit dieses Kind diese Trennung bewältigen kann?“
Fazit
Eine gelingende Eingewöhnung beginnt lange vor der ersten längeren Trennung.
Sie beginnt mit dem Kennenlernen des Kindes und seiner Familie, mit aufmerksamem Beobachten, persönlichem Austausch und der Bereitschaft, den Übergang individuell vorzubereiten.
Kinder brauchen Zeit, um zu neuen Bezugspersonen Vertrauen aufzubauen und eine zunächst fremde Umgebung Schritt für Schritt zu erkunden.
Auch Eltern brauchen Zeit, um sich mit den Menschen wohl und sicher zu fühlen, denen sie ihr Kind anvertrauen.
Das Ziel lautet deshalb nicht:
„Das Kind kann jetzt ohne seine Eltern bleiben.“
Sondern:
„Das Kind erlebt hier zunehmend Sicherheit – und seine Eltern können darauf vertrauen, dass es aufmerksam und verlässlich begleitet wird.“
Literatur und weiterführende Quellen
Charlotte Bühler Institut (2009). Bundesländerübergreifender BildungsRahmenPlan für elementare Bildungseinrichtungen in Österreich. Endfassung August 2009. Wien.
Pölzl-Stefanec, E. (2026). Communication Matters: A Mixed Methods Study on Parent–Professional Interactions during Early Childhood Education and Care Transitions. Early Childhood Education Journal, 54, 4495–4505. DOI: 10.1007/s10643-025-02021-7.
Andersson Søe, M. & Psouni, E. (2025). Parent-teacher trust as a relational pathway to the child: Teachers’ perceptions about child-teacher-parent relationship-building during the child’s transition to preschool. International Journal of Educational Research, 132, 102618. DOI: 10.1016/j.ijer.2025.102618.
Macagno, A. & Molina, P. (2024). Finding a secure base: Exploring children’s attachment behaviors with professional caregivers during the first months of daycare. Infant Behavior and Development, 74, 101919. DOI: 10.1016/j.infbeh.2023.101919.
Fachlicher Hinweis
Dieser Fachbeitrag dient der allgemeinen fachlichen Information und pädagogischen Orientierung. Eingewöhnungsprozesse verlaufen individuell und sollten nicht anhand einer festen Anzahl von Tagen oder eines einheitlichen Trennungszeitpunkts beurteilt werden.
Entscheidend sind die individuellen Signale und Bedürfnisse des Kindes, die Qualität der entstehenden Beziehungen sowie eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Familie und pädagogischen Fachkräften.
Stand: September 2026
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